Wir ist das neue du

Ich bin zwei Menschen. Zumindest bei mir zu Hause. Wann immer meine Freundin das Wort “wir” verwendet, bin in der Hauptsache nämlich ganz allein ich gemeint.

Heißt es beispielsweise: “Wir müssen heute unbedingt mal die Blumen gießen.” – und “wir” haben es abends immer noch nicht getan, sagt sie daraufhin schon etwas strenger: “Also, morgen müssen wir wirklich unbedingt mal die Blumen gießen.”.

Genauso verhält es sich übrigens auch mit dem Müll. Wenn der voll ist, müssen “wir” auch immer unbedingt daran denken, ihn runterzubringen. Wenn ich es dann wage, meine Freundin darauf aufmerksam zu machen, dass die Mülltonne im Innenhof steht – nur für den Fall, dass sie es vielleicht gar nicht weiß, schaut sie mich fassungslos an und sagt: “Der Müll ist mir viel zu schwer.”

Und zugegeben – das wäre wirklich ein unschlagbares Argument. Wenn da nicht ihre Handtasche wäre. Die ist ihr nämlich sonderbarerweise nie zu schwer. Und ich frage mich oft, was sie darin alles mit sich herumschleppt. Es würde mich wirklich ganz und gar nicht überraschen, wenn sie auch mal einen Block Zement herauszaubert. Oder dreißig Säcke Blumenerde. Vielleicht auch mal einen ganzen Kontinent.

Aber was soll’s? Eigentlich kann mir das ja ganz egal sein. Ihre Handtasche müssen “wir” schließlich nicht tragen.

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