Das Schöne an Zahnarztbesuchen ist, dass einem vorher alle Leute Mut machen. Jeder berichtet von den eigenen positiven Erlebnissen oder auch davon, was der Mutter einer Freundin eines Freundes eines Cousins achten Grades im 18. Jahrhundert einmal widerfahren ist. So auch, kurz bevor mir mein Weisheitszahn gezogen werden sollte.
Hier nur ein kleiner Auszug der aufmunternden Erfahrungsberichte, die mir im Vorfeld mit auf den Weg gegeben wurden:
1. „UNTEN? Oh Gott!“
2. „Bei mir ist der Zahn in alle Einzelteile zersprungen und ich lag eine ganze Stunde unterm Messer.“
3. „Schlimm ist es ja, wenn sie versehentlich in den Knochen fräsen.“
4. „Und die Geräusche – ich hab fast gekotzt.“
Fast wunderte ich mich, dass die Leute nicht auch noch sagten:
1. „Mein Arzt hat mir den Kiefer gebrochen und danach gesagt, ich hätte gewackelt und das hätte ich nun davon.“
2. „Vor mir wurde einer im Leichensack raus getragen.“
3. „Mir hat meiner aus Versehen ins Auge gebohrt.“
Oder auch:
4. „Mein Zahnarzt spart Strom und benutzt keine Bohrer. Er setzt den Leuten einen Specht an den Mund.“
Und dabei gucken sie alle ganz mitleidig. Ja, die Leute tun wirklich so einiges, um einem die Angst zu nehmen. So auch die Sprechstundenhilfe meines Arztes, bei der ich um einen Termin bat. Ich vermute stark, dass sie Sadistin ist. Hier ist der O-Ton des Telefonats:
Ich: „Ja, hallo, ich würde mir gerne am Freitag meinen Weisheitszahn ziehen lassen. Obwohl – gerne ist übertrieben.“
Sie: (lacht bedrohlich) „Unten oder oben?“
Ich: „Unten rechts.“
Sie: (lacht wieder bedrohlich)
„Na, da werden Sie Spaß haben bei den Temperaturen.“
Ich: „Wieso?“
Sie: „Da müssen Sie mit einer ordentlichen Schwellung rechnen.“
Ich: „Sie machen mir Angst.“
Sie: „Kann ich leider nicht ändern. Und Sie sind sich sicher, dass der Doktor Sie deswegen nicht lieber zum Chirurgen schicken wollte? Der Zahn sitzt ganz schön schief und da liegen direkt Nervenbahnen.“
Ich: „Sie machen mir noch mehr Angst.“
Sie: „Ich frag ihn mal, ob er sich das zutraut.“
(kurze Pause)
Sie: „Ja, er macht das.“
Ich: „Schön. Da ist übrigens schon ein Stück heraus gebrochen.“
Sie: „Das macht nichts. Aber stellen Sie sich darauf ein, dass es eine längere Angelegenheit wird als beim Oberkiefer.“
Ich: „Wie viel Angst wollen Sie mir denn noch machen?“
Sie: „Ich sag’s Ihnen nur, wie’s ist.“ (lacht wieder bedrohlich) „Und nehmen Sie sich bis Montag früh nichts vor. Kaufen Sie sich schon mal ein paar Kühlbeutel und essen Sie noch mal ordentlich davor.“
Ich: „Mach ich. Vielen Dank. Ich kann es kaum noch erwarten. Tschüss.“
Sie: „Tschüss.“
Ja, so war das mit meiner Sprechstundenhilfe. Auf dem Weg zur OP sagte ich mir immer wieder, dass Arthur Abraham noch acht Runden mit gebrochenem Kiefer durchgeboxt hat, und dass meine Weisheitszahn-OP nicht grausamer werden könne als das. Aber wie es beim Zahnarzt meistens so ist, war das Ganze dann auch nicht mal halb so schlimm wie erwartet. Schon währenddessen wurde mir bewusst, was für ein Mann ich doch bin. Ich hätte Arthur Abraham wahrscheinlich noch mit gebrochenem Genick geschlagen. Den nächsten Weisheitszahn entferne ich mir selbst. Uga-Aga-Uga.
Mit einer Illustration meines guten Freundes und üblen Kollegen Patrick “Pat” They.
www.patrickthey.com