Architektur oder so ähnlich

Die Wohnung meiner Freundin ist äußerst luxuriös. Zumindest, wenn man sie nach den Maßstäben des frühen 13. Jahrhunderts bewerten würde. Eigentlich kann man nämlich schon froh sein, dass die Räume überhaupt eine Decke haben. Ja, die meisten Zimmer verfügen sogar über Wände und Fenster. Und ich bin auch noch nie durch den Boden gebrochen.

Trotzdem vermute ich stark, dass der Innenarchitekt den Job aufgrund irgendeiner Quotenregelung bekommen haben muss. Jedenfalls bezweifle ich, dass ihm während der Bauarbeiten noch Augenlicht vergönnt war. Außerdem muss er ständig stockbetrunken gewesen sein. Ich bin zumindest davon überzeugt, dass selbst ein Blinder nüchtern mehr Raumgefühl haben müsste.

Als ich das erste Mal das Badezimmer meiner Freundin betrat, rechnete ich eigentlich fest damit, dass gleich Kurt Felix um die Ecke kommen würde. Doch Kurt kam nicht. Das Bad war ernst gemeint. Es ist insgesamt etwa so groß wie mein Zeigefinger. Um mich frei darin bewegen zu können, müsste ich wohl rund drei Meter kleiner sein. In der Hygienekammer finden mit Mühe und Not eine Toilette und ein Waschbecken Platz. Mehr konnte auch der blinde Architekt nicht unterbringen. Manchmal wünsche ich mir, er müsste mir bei der Benutzung seines Bades zusehen. Also, wenn er sehen könnte.

Sie müssen sich das etwa so vorstellen: Ich kann im Großteil des Bades ohnehin nicht aufrecht stehen. Wenn ich mich aber hinunterbeugen möchte, um mein Gesicht zu waschen, muss ich die Badezimmertür öffnen, weil der Platz im Bad nicht für meinen gebeugten Rücken ausreicht. Gleichzeitig ist das Waschbecken so klein, dass man ohne Mikroskop Schwierigkeiten hat, es überhaupt zu erkennen. Meist finde ich es nur, weil ich weiß, dass es ungefähr auf Kniehöhe angebracht ist. Die Dusche ist übrigens in die Küche ausgelagert worden. Die Kabine hat keine Decke, weswegen es oft ein wenig zieht. Die Küche hat nämlich wiederum keine Tür. Manchmal zieht es deswegen so stark, dass das Gesicht anfängt, im Wind zu flattern. Man könnte in der Dusche Drachen steigen lassen. Eigentlich verwundert es mich, dass ich bisher beim Duschen noch nie aus der Kabine hinausgesaugt wurde.

Aber ich sollte mich nicht beschweren. Die Wohnung hat nämlich auch ihre guten Seiten. Zum Beispiel wurde von dort aus noch nie ein Weltkrieg gestartet. Und bisher ist mir in der Wohnung auch kein Feuer speiender Drache begegnet. Aber mit Abstand das Beste an der Wohnung meiner Freundin ist: meine Freundin. Und die würde ich sogar besuchen, wenn sie in einem Erdloch wohnen würde. Vielleicht wäre das sogar komfortabler.

 

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Eine Antwort zu “Architektur oder so ähnlich”

  1. Petra sagt:

    I like! Wenn das Gesicht dann doch mal flattert, hätt ich gern ein Foto auf facebook, bitte.

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